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Die Diebin von Saint Lubin

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Die Diebin von Saint Lubin
Dominique Blanc als Françoise
Frankreich 1999 - Originaltitel: La voleuse de St. Lubin - Regie: Claire Devers - Darsteller: Dominique Blanc, Denis Podalydès, Michèle Goddet, Maryline Even, Chantal Neuwirth - FSK: o.Al. - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 85 min. - Start: 23.5.2002
Beschreibung

Am 22. Februar 1996 kommentierte die französische Tageszeitung 'Le Monde' den Freispruch einer Familienmutter, die in einem Supermarkt außerhalb von Poitiers Fleisch gestohlen hatte. Der Freispruch war aufgrund der Anerkennung eines 'Notstands' erfolgt, nach alter Rechtsprechung auch 'Mundraub' genannt. Der Artikel schloß mit den Worten: "Das Gericht hat weise und menschlich geurteilt." Ein paar Tage danach legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Das erste Urteil wurde zwei Monate später annulliert, die Familienmutter für schuldig befunden und verurteilt.

Auch Françoise Barnier, die Protagonistin des Films, hat Kinder. Und auch sie begeht eines Tages einen Diebstahl. Ihre Situation ist kritisch, aber nicht mehr als sonst auch. Sie hat keine Schulden. Einen Kredit aufzunehmen oder Wohltätigkeitsspenden anzunehmen, hat sie immer als Demütigung empfunden und abgelehnt; stattdessen versuchte sie, ihr Leben nach den sozialen Regeln und Gesetzen der Gesellschaft auszurichten. Aber an diesem Tag begeht sie einen Diebstahl. Sie fühlt sich alleingelassen mit der Ausweglosigkeit, den vielen Frustrationen und Entbehrungen. Sie hat sich zu einer Handlung entschlossen, um deren gewaltsamen Charakter, um deren Sinnlosigkeit und Absurdität sie weiß. Auf gewisse Weise verschafft ihr dieser Akt jedoch ein Gefühl der Freiheit, als zerschlüge sie einen gordischen Knoten.

Wir begegnen ihr auf ihrem Weg durch die juristischen Institutionen, wo sich zwei Konzeptionen von Recht und Gerechtigkeit gegenüberstehen. Françoise Barnier muß sich den Regeln eines rüden sozialen Spiels unterziehen. Man verlangt von ihr, daß sie ihr Verhalten erklärt und sich zu diesem Spiel selbst verhält. Sie bewältigt dies mit der gleichen Würde, von der sie auch sonst in ihrem Leben Zeugnis ablegt; indem sie uns das Bild von sich zeigt oder vielmehr die Idee, die sie von sich selber hat: weder Opfer noch schuldig zu sein.

Wie drückt sich ein solch gewaltsamer Akt auf der politischen Ebene aus? Françoise Barnier ist kein politischer Mensch. Aber einmal im Leben fühlt sie sich versucht, die rechtsradikale Front National zu wählen. Die Wahl geht ganz einfach vonstatten, im Schutz einer Kabine. Ohne direkte Auswirkung auf ihr Leben. Harmloser Akt einer Bürgerin, für den man sie ohne Zweifel kaum verurteilen kann. Keiner wird kommen und sie bitten, ihr Verhalten zu erklären, wie sie es bei dem Diebstahl machen mußte. Und doch fühlt sie sich wirklich schuldig. Schlimmer, das Gefühl der Zwecklosigkeit beschämt sie plötzlich. Und dieses Mal kann sie sich mit niemandem darüber streiten. Auf bestimmte Weise ist sie erneut zusammengebrochen. Aber sie schafft es nicht, wieder hochzukommen.

Der Film hinterfragt diese beiden Akte - den Fleischdiebstahl, das Votum für die Front National - und den damit einhergehenden Tabubruch. Auch wenn der Diebstahl eine Unregelmäßigkeit, einen Verstoß gegen die Ordnung darstellt, kappt er die sozialen Bezüge nicht; wohingegen das Votum für die Front National, bei dem es sich scheinbar um einen souveränen Bürgerakt handelt, die sozialen Bezüge negiert und zerstört...
Text & Foto: Peripher

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