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3° kälter

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Am Bahndamm der Gefühle
von Ansgar Thiele

Kaltes Grau-Blau, gelegentlich durch kräftiges Rot akzentuiert, selten ein warmes, goldenes Licht. Eine atmosphärisch-symbolisch stimmige Farbdramaturgie. Distanz, Tristesse, Gewohnheit, Leidenschaft, Nähe usw.

Im Mittelpunkt des Spielfilmdebüts von Florian Hoffmeister (bisher als Kameramann u.a. von Berlin is in Germany und Liegen lernen hervorgetreten) eine Clique von sieben jungen Leuten zwischen 25 und 35 in Nürnberg. Man kennt sich seit langem, trifft sich regelmäßig im „Club“, ist zusammen erwachsen geworden. Fünf Jahre zuvor war ein Mitglied der Clique, Jan, plötzlich verschwunden. Nun kehrt er unerwartet zurück. Marie, die damals seine Freundin war, und Frank, den sie in der Zwischenzeit geheiratet hat, Jans Familie, vor allem sein jüngerer Bruder Olli, und die anderen werden aus Alltag und vermeintlichen Sicherheiten aufgestört. Marie muss sich nun zwischen ihrem Mann und dem Ex, der sie immer noch nicht kalt lässt, entscheiden.

Der Film beginnt mit einer fast zur Monochromie entfärbten Weiteinstellung des Meeres. Darüber eine weibliche Off-Stimme: „Du warst ein Teil von mir...“ Ein junger Mann, der plötzlich zu rennen beginnt. Dann in Großaufnahme ein Foto, das diesen Mann, Jan, zusammen mit einer Frau, Marie, zeigt. Die Exposition, die die Suche der Freunde nach dem Verschollenen zeigt, aber auch spätere Passagen des Films sind virtuos in komplexen Parallelmontagen, nur wenig markierten Rück- und Vorblenden montiert. Realität und Imagination werden unmerklich gegeneinander verschoben. Die Bilder sind ausnehmend elegant. Elaborierte Arbeit mit der Bildschärfe, extrem in einer Einstellung des Beginns, die die Schärfenebene innerhalb einer Totalen von Frank im Hotelzimmer zu Jan unten am Strand verlagert.

Jan, Frank, Marie. Und doch nicht nur eine Dreiecksgeschichte. Ebenso sehr die Geschichte einer Familie, einer Clique. Jans tablettensüchtige Mutter, sein kühl-ironischer Vater, die frische Liebe zwischen Olli und der Cellistin Babette, Jennys Probleme mit dem notorisch untreuen Steini. Ein Netz von Geschichten, bereits zu Beginn geknüpft, dessen Fäden nach und nach mit Bedacht fortgesponnen werden. Solche Komplexität pflegt, so gut die Balance zwischen den Personen und ihren jeweiligen Geschichten gelingt (nur der Steini ist halt einfach der Steini), zu Lasten der handelsüblichen Empathie zu gehen. Sei’s drum.

Der Film will allerdings noch mehr. Er ist auch eine Geschichte von Lebensentwürfen, der Frage nach dem richtigen Leben (ein entscheidende Replik Jans zu Marie: „Weil du weißt, wie es ist, wenn man sich zu Gast im eigenen Leben fühlt“). Und dabei ist 3° kälter dann auch auf eine in deutschen Filmen leider nicht so ganz unübliche, nämlich hochglanz-philosophisch-symbolische Art bigger than life. Die Lokalisierung im kleinstädtischen Nürnberg hätte durchaus mehr für realistische Bodenhaftung genutzt werden können. Aber schon die ersten Bilder nach der in Spanien spielenden Eröffnungssequenz unterlegen fränkische Hinterhöfe mit bedeutungsschwangerer, hochemotionaler Musik. Der „Club“ verströmt eher metropolitane Hipness als provinziellen Charme (Kompliment an den DJ). Einige Dialoge schwingen sich zu arg literarischen Höhen auf. Und am Bahndamm ist es immer drei Grad kälter.

Dennoch: ein weiterer Vertreter dieser erstaunlich zahlreichen, vielseitigen, visuell und inhaltlich gleichermaßen anspruchsvollen jungen Generation des deutschen Kinos. Wird Zeit, dass auch ein größeres Publikum was davon mitbekommt.

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