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In America

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(8/10)
IN AMERICA

DAS LEBEN IN DER ZEIT

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 24. FEBRUAR 2004.

Nach dem tragischen Tod ihres Sohnes emigriert eine vierköpfige
irische Familie illegal nach New York, um einen Neuanfang zu wagen.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginnt die Familie dort langsam
Fuß zu fassen.
Während für die beiden jungen Töchter die Großstadt zum magischen
Abenteuerland wird, kämpfen die Eltern mit starker Willenskraft
gegen Armut und Arbeitslosigkeit an.
Als die Mutter ein Kind erwartet, gerät die Ehe in eine tiefe Krise; denn
noch immer ist der Vater gelähmt von dem so schicksalsschweren
Verlust, hat Angst vor den Konsequenzen der riskanten Schwangerschaft
seiner Frau.
Jim SHERIDAN („Mein linker Fuß“, 1989, „The Field“, 1990,
„Im Namen des Vaters“, 1993, „Der Boxer“, 1997) hat ein autobiographisches
inspiriertes Drama ins Kino gebracht und schildert bar jedweder
Sentimentalitäten das (bewegte) Schicksal einer Familie, die versucht, das
Trauma der eigenen Vergangenheit zu bewältigen.

Die Hoffnungen für einen Neuanfang, ein neues Leben, neue Freunde,
Glück und ein geregeltes Einkommen, das sind die Träume, die die Familie
hat. Und irgendwo tangieren sie uns auch, weil das Leben hart und eng
geworden ist, und weil das Bedürfnis nach Glück, nach Liebe größer ist
als alles, was uns die Welt uns zu liefern vermag.
Da in Wirklichkeit das Leben aus vielen höllischen Jahren und so wenigen
paradiesischen Augenblicken besteht, ist es trostreich in diesen Träumen
zu leben, zu verharren, und darauf zu warten, dass sich die Verhältnisse
ändern.
Wir sind süchtig nach diesen Träumen, doch das Leben bietet wenig
Stoff.
Während die Gegenwart einem Durchfall gleicht, der durch uns
hindurchrast, verstopfen wir von gefälschter Vergangenheit, und unsere
Hoffnungen und Träume werden in einen Strudel hineingerissen,
von dem sich das panisch aufgerissene Auge kaum abzuwenden vermag.

Soziale Kälte, die die illegalen Einwanderer ohne Finanzen erfahren
müssen, ist etwas, was das politische und gesellschaftliche Klima in
Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit, Egomanie und Krähensolidarität
bestimmt.
Wer sich um Opfer nicht kümmert, der zieht gleichsam eine Mauer um
sie.
Die Empörung darüber ist berechtigt- bis sie vergessen ist. Aber die
Betroffenen sind gedemütigt bis in alle Ewigkeiten. Der Staat
entwickelt die Unterversorgung der Menschen vor unser aller Augen
ab. Gesundheitsreform, Agenda 2010, Steuerreform- all das trägt
dazu bei, zu formulieren, dass der höchste Staatszweck NICHT das
Wohl der Menschen ist.

Alles wird in die Fürsorge der Familien abgedrängt. Und weil
diese vom Leben selbst gebeutelt sind, sind die Worte der Obrigkeit
warm, aber der Sinn bleibt kalt.

Den Einwanderern steht als Heim ein herunter gekommenes
Haus in Hell’s Kitchen (Manhattan) zu Verfügung.
Die gesamte Umgebung, die von zwielichtigen Nachbarn bevölkert wird,
und von einem kriminellen Milieu durchzogen ist, zeigt, dass sie
schutzlos der Trockenheit dieser Herzen ausgeliefert sind.
Alle sind Gauner und Verräter, Verräter des Vergessens, ehrgeizig,
neidisch, bösartig.
Sie haben sich vor ihren eigenen Lastern und Fehlern zu fürchten:
abgeschnitten, verschoben, verurteilt.
Und sind wir es nicht, die dem vollkommen gleichgültig gegenüber
stehen?

Wir sind Maschinen des Vergessens! Vergessen ist sie, die Moral.
Schwamm drüber! Besser überleben und berühmt, als tot und
Vergessen.
Und da die Erbitterung immerfort da ist, sich nicht abschütteln
lässt, keine soziale Macht hat, sondern in der alles zermalmenden
Zeit ihren Ausdruck findet, nennt der Film die Dinge beim Namen
und kämpf gegen das Vergessen an.
Die Beleidigten, die Knechte, die Wehrlosen treiben uns die Tränen
in die Augen.
Während die Recht- und Machthaber im Königsgewand ihrer
Gnadenlosigkeit erscheinen und stolzieren, passiert um uns herum
etwas sehr eigenartiges: eine Geisterstunde findet statt. Und die
Marionetten, an Fäden gehalten, spielen uns Vorstellungen vor,
die ihre Untaten offerieren. Es ist die Stunde jener Ausgestoßenen,
die uns nicht zur Ruhe kommen lassen, weil das Unrecht
niemals eingelöst werden kann, das man an ihnen begeht.

Schweigend sieht man zu, wie die Familie versucht, ihr eigenes
Trauma zu überwinden.
Der tragische Tod von Frankie schwebt schicksalhaft
über Aussteiger, die Einsteiger sind, und die beständig der
Selbstverleugnung nahe sind, der Aufgabe der eigenen Identität.
Der Blick auf die Vergangenheit, die im Tod einen Ausschnitt der
Gegenwart beschreibt, das sind die Erinnerungen an Ereignisse, die
die Lebenden erfahren, die aber auch zeigen, wie lückenhaft und
selektiv die eigene Erinnerung ist.
Sie schmilzt auf einen Punkt zusammen.
Je trister die Gegenwart auf diesem Sektor erscheint, desto mehr
wendet man ihr den Rücken zu

Es ist schwer zu begreifen, dass das System Arbeit, die den
Arbeitssubjekten permanente Leistungsbereitschaft oktroyiert
hat, zu einer Art moderner Dressur der Menschen geworden ist,
aus ihm ein Wesen gemacht, das in den Markt eingebunden ist,
der sie verplant, das eigene Bewusstsein unterminiert und ihre
Bedürfnisse sortiert.
Die Kunden von Waren und Dienstleistungen stehen mit beiden
Beinen im Konsumtionsbetrieb, ihre Seele ist verkauft, sie sind
zu Mammutanlagen der Vergnügungsindustrie geworden.
Der irischen Familie mag diese verkitschte und überhöhte Welt
egal zu sein; denn das vermag ihr Leben nicht zu richten.
Und doch wird sie täglich mit ihre konfrontiert.
Die Begegnung mit dem Maler Mateo (Djimon HOUNSOU) bietet
für die Töchter Ariel (Emma BOLGER), Christy (Sarah BOLGER)
und Mutter Sarah (Samantha MORTON) die Chance,
das Leben neu zu entdecken.
Johnny (Paddy CONSIDINE) verschließt sich diesem und verliert auch
die Fähigkeit, seine Gefühle zu beschreiben.
Und im Scheitern wird jedes Bild zerschlagen, bevor es richtig anläuft.
Der Versuch, ein Engagement als Theater- und Schauspieler zu
bekommen, die Absagen und die Unglücklichkeit, die entstehen, sind
wie Wirbelstürme, Erdbeben und Überschwemmungen.

Man macht immer die gleichen und schlechten Erfahrungen, man ist
immer mit den gleichen Heuchlern umgeben, die ihre immer
wiederkehrenden Sprüche abliefern, in ihrer ewigen Demagogie einem
alles versprechen.
Die Selbsttäuschung bis ins Alter hinein: ist es das, was Johnny erfährt?
Wenn der Vater mit Hilfe seiner Familie einen Weg findet, seine
Trauer zu absorbieren, dann ist das etwas, was uns dazu zwingt,
damit vernünftig umzugehen, weil das die Realität ist, die etwas
Licht in die Suche nach der Wahrhaftigkeit im Leben bringt.
Aber: bleiben wir nicht Gefangene des Vergessens? Alles ist möglich,
sicher ist nichts. Was verwirrt und irritiert uns, bleibt ein
Rätsel zurück? Ist die Entzauberung der Welt noch aufzuhalten?
Die Erinnerung daran wird kollektiv abgesessen und verdaut.
Die Geschichte verschwindet zwischen Feigheit und Courage.

Durch „In America“ begleitet uns die Erzählerin,
die zehnjährige Christy, die das Leben festhält, in Bildern präsentiert.
Bilder bringen im Kino den Realismus zusammen. Die Filmschnipsel
in Rückblenden sind wie Zifferblätter, die die Zeit widerspiegeln.
Gäbe es ein Museum der Zeit, dann hätte Christy darin einen
Ehrenplatz verdient.
Aus ihrer Perspektive entsteht das Feste und das Flüchtige
„In America“.
Man muss eine Weile zuschauen, um zu begreifen, wie exakt das
angeordnet ist.
Hier genügt ein Tropfen kindlichen Blicks, der die Einheit der Zeit
und den endlosen Strom der Ereignisse zusammenbringt.
Der Fluss der Zeit: hier wird er zum Bild.
Dieser Blick zeigt, dass das Leben auf ähnliche Weise funktioniert:
es besteht aus einem Projektor und der Leinwand in einem
abgedunkelten Raum.
Durch all diese Überlegungen zieht sich der unaufhörliche Fluss
von Bildern, die man aufteilen, zerschneiden und behalten kann.

Auf einer leeren Leinwand werden die Bilder zu Zeichen, sie zeigen
etwas an: eine andere Zeit, die Zeit eines Films in der
Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft.
Wie leicht man aus den Fugen in dieser Zeit gerät, dass zeigen
täglich die Ereignisse. Ein Bild zuviel oder zuwenig, und die
Magie ist dahin.
Das ist der Moment, wo an Gedanken und Wahrnehmungen deutlich
wird, was Bilder aus dem Innenleben eines Films bedeuten
können und wie tiefgehend sich Menschen in Autobiographien
nahe kommen.
Erbarmungslos, jede Peinlichkeit fixiert, jeden Moment der Scham
rekonstruiert, das ist die Unbefangenheit, die sich nicht in der
Desillusion auflöst.
Die Erinnerungen der Familienmitglieder mit fiktionalen Elementen
des wirklichen Lebens verbunden, das macht den Film äußerst
sehenswert.
Die durchlebten Erfahrungen sind auch die Momente, die nach
den Glücksaugenblicken greifen. Da es kein Glück mehr auf Erden
und für immer gibt, nur Lichtungen des Glücks, schlagen wir
uns eine Schneise des Glücks durchs Leben. Da mag die irische
Familie, wenn sie auch Hollywood atmet, ein wenig Vorbild sein.

Fazit: Etwas über sich selbst lernen, das ist der Lohn im Film
„In America“.
Die ruhige und behutsam erzählte Geschichte, ist eine Zeitreise
gegen das Vergessen, ein Fanal gegen die Lethargie in uns.
Die Bereitschaft, die Netze des Vergessens zu zerschlagen, die
eigenen Signale zu empfangen und weiterzugeben und den
geduldigen Neustart abzuwarten, das schafft Platz für neue
Lebenserwartungen.
Die Zeitreise gegen das Vergessen beginnt dort, wenn das
Greifbare, eine neue Liebe, eine neue Freundschaft, eine
neue Authentizität, neue Gedanken in Hautnähe rücken.
Unterstützt von den exzellenten Schauspielern
Samantha Morton, Paddy Considine und den Bolger- Schwestern
wird der emotionale Film mit Tiefgang zu einem Erinnerungsfanal, der
zu jeder Zeit an der Herzlosigkeit von Staat und Gesellschaft
kratzt.
Dietmar Kesten 24.2.04 16:55

(9/10)
so sollte Kino sein: spannende Geschichte, zum Schmunzeln und zum Weinen.
Und schon vorab für die ewigen Nörgler, denen NYC zu schön dargestellt ist: das ist ein Film
Martin 6.11.03 17:02

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