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Matrix Reloaded

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Gefangen in Hamlets Nußschale Dietmar Kesten 28.6.04 16:53

THE MATRIX RELOADED

GEFANGEN IN HAMLETS NUßSCHALE

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 14. JUNI 2003.

Seit dem letzten Sommer liefen in den Kinos die Hinweise auf
die kommenden Matrix-Filme: „The Matrix-Reloaded“, der jetzt
gestartet ist, und „The Matrix Revolutions“, der Ende November
in die Kinos kommen soll.
Auf vielen Webseiten gab es bereits seit dem Dezember 2002
Details zu den Filmen zu sehen, Interviews mit Keanu REEVES,
dem Hauptdarsteller, eine Übersicht zu neuen Filmtechniken wurde
vorgestellt, es gab vorab jede Menge Stunts und Computerspiele.
Die WACHOWSKI Brüder, die auch für die Fortsetzung
von „The Matrix“ verantwortlich sind, haben den Cineasten in einem
Vorfilm zu „Dreamcatcher’ ‚Animatrix. Der letzte Flug der
Osiris“, schon einmal gezeigt, wo es in „Reloaded“ langgeht.
„Animatrix“ sollte der explosive Auftakt zu „Reloaded“ sein,
und alle neuen Filme aus der Reihe „The Animatrix“ sollen
weltweit auf DVD und VHS ab Juni 2003 erscheinen.

War schon „The Matrix“ ein Feuerwerk des
Computer-Animationskinos mit neuen faszinierenden
Darstellungen und tiefen philosophischen Fragen (z. B.
das problematische Verhältnis von Mensch vs. Maschine), so ist
„The Matrix Reloaded“ ein Meisterwerk, dass an
Stephen HAWKING und seine Vorlesung über das Wesen
des Universums erinnert.
In „Das Universum in der Nussschale“ führt er aus:
„Das Verhalten des ungeheuer großen Universums lässt sich
durch seine Geschichte in imaginärer Zeit verstehen, die eine
winzige, abgeflachte Kugel ist.
Insofern hat es große Ähnlichkeit mit Hamlets Nussschale, und
in dieser Nuss ist alles verschlüsselt, was in reeller Zeit
geschieht. Hamlet hat also vollkommen recht: wir können in
einer Nussschale eingesperrt sein und uns doch für Könige von
unermesslichem Gebiet halten.“ (vgl. Stephen HAWKING:
Das Universum in der Nussschale, Hamburg 2001, S. 1.)

Diese Verschlüsselung, von der HAWKING spricht, ist vielleicht
auch der Schlüssel zum Verständnis von „Reloaded“.
Der Film beginnt dort, wo „The Matrix“ aufgehört hatte:
die Maschinen haben eine weitreichende Entdeckung gemacht.
Sie wissen jetzt, wo sich Zion, die letzte Stadt der Menschheit,
befindet, nämlich tief im Inneren der Erde. 250. 000 Sonden machen
sich auf, sie zu zerstören.
Die Nussschale, in der sich alles befindet, was „in reeller Zeit
gschieht“ oder dort enthalten ist, ist das Tor zum geheimnisvollen
Schlüsselmacher, der gefunden werden muss, damit die Stadt
nicht von den Torwächtern vernichtet wird.
„Reloaded“ ist eine Megastadt, die schon aus diesem Grunde
- im übertragenen Sinne - die Menge der Energie der in der
Nussschale enthaltenen Materie ausmacht, in der sich alles
wie ein Virus vermehren, verschwinden und wieder auftauchen
kann.

Die Philosophie, die sich auch mit dieser Frage schon immer
beschäftigt hatte, wird in „Reloaded“ mit der Geschichte der Zeit
ständig konfrontiert: was passiert in jenen Räumen, die jenseits der
physikalischen Wirklichkeit angesiedelt sind, welche Kräfte wirken
dort und was war vor dem Anfang von Raum und Zeit?
Es ist keine Frage, dass „Reloaded“ mit diesen Grenzbereichen des
Denkens spielt, und dass das Universum als ‚Schaumblase’ begriffen
wird, in dem alles möglich zu sein scheint.
Wenn NEO oder eine Agentin durch den Raum fliegt und ihre Körper
dreidimensional aufgezeichnet werden, dann bekommt man den Eindruck,
als ob sie sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, oder schneller als
das Licht.
NEO taucht in eine Welt ein, in der der Unterschied zwischen Realität
Virtualität und der Schwerkraft praktisch aufgehoben wird. Die vollkommene
digitale Illusion der Realität macht in „Reloaded“ vor nichts halt, selbst
nicht vor der Verdoppelung der Smith-Agenten.
Möglich macht das eine ‚virtuelle Kamera’, die die Grenzen zwischen
den real aufgenommenen um die im Computer gestalteten Bilder
ständig verwischt.

Diese Nussschale ist mit einer solchen Vollkommenheit dargestellt,
dass praktisch jedes beliebige Objekt virtuell nachgebildet und in
einer neuen Vorlage(Schlupflöcher) dem erstaunten Publikum
präsentiert werden kann.
Das digitale Bild wird zur „universal capture“ (umfassende
Aufzeichnung).
So könnte man bezüglich der Entstehung unseres Universum
schlussfolgern: es könnte aus dem Zusammenprall mit einem
Paralleluniversum entstanden sein, oder aus dem absoluten Nichts.
Standard-Modelle der Kosmologie gibt es indes viele, und nicht alle
Philosophen oder Astrophysiker halten den ‚Big Bang’ in
der Zwischenzeit für DIE Theorie über die Entstehung des
Universums.

Vielleicht knüpfen die WACHOWSKI Brüder eher unbewusst
daran an; denn wenn man zum Beispiel wie Richard GOTT
von der Princeton University annimmt, dass das Universum
eher aus irgendetwas als aus dem Nichts entstand, dann können
die Zeitschleifen, die es beständig erzeugt, und sich selbst in
diesen gefangen hält, auch ständig aufs Neue erzeugt werden.
Andrei LINDE von der Kalifornischen Standford-Universität in
Kalifornien verficht z. B. die Theorie der Multi-Universen.
Danach entstehen aus dem Vakuum durch quantenphysikalische
Vorgänge spontane Raum-Zeit-Blasen, die sich explosionsartig
zu einem Universum ausdehnen.
LINDEs Theorie, die schon von manchen als „zweite kopernikanische
Wende“ bezeichnet wird, besagt weiter, dass aus zahlreichen
‚Big Bangs’ viele, wenn nicht sogar unendlich viele ‚Baby-Universen’
mit unterschiedlichen Ausgangsgrößen hervorgegangen sind.

Ein instabiles Nichts aus dem Nichts. Jedes blähte sich zu einem
eigenen Universum aus.
Unser Universum, eine ‚Schaumblase’ unter vielen?
Ist die „Matrix-Trilogie“ die filmische Umsetzung der komplizierten
Theorie über die Entstehung unseres Universums?
„The Matrix“, die Geburt, „The Matrix Reloaded“, die unendliche
Zeitschleife, „The Matrix Revolutions“, der Tod und die
neue explosionsartige Raum-Zeit Blase?
Der Film reizt diese Fragen beständig aus und man kann die
Meßlatte, wie ich meine, nicht hoch genug ansetzen.
Was sich beständig wiederholt, muss nicht der Anfang von Raum
und Zeit gewesen sein. Es könnten Übergänge zwischen sich
beständig wiederholenden expandierenden und kontrahierenden
Phasen geben.

NEO scheint dieses spiegelbildliche Gegenstück wiederzuspiegeln.
Er lebt und wirkt praktisch in einer Membrane, in einem
Paralleluniversum, kollidiert mit diesem beständig, und entzündet
sich neu.
Sein gewaltiger Energiemengenschub setzt sich frei, bewegt sich
auf andere Effekte zu und wieder von diesen weg.
Im Verlauf seiner Aktivitäten entfaltet er sich so in allen möglichen
Varianten-Universen, dehnt sich dauernd aus und wird auch
ausgedünnt. Solange, bis seine Welten wieder miteinander
kollidieren und sich in einem neuen Schub produzieren.
Die Figuren in „Reloaded“ bewegen sich durch ein Computerprogramm,
in dem lichtschnelle Bewegungen ebenso gefordert sind, wie
genaueste Präzision, wie das in den anmutenden Karatekämpfen zum
Ausdruck kommt.
Das macht schon alleine den Reiz des Filmes aus.
Auch wenn meine philosophische Wertung übertrieben erscheint; denn
sicherlich fehlt es dem Film überhaupt an philosophischer Tiefe
und ein Hollywood Film ist eben kein philosophisches Traktat, so sind
doch die Grenzen, die er beständig aufhebt, eine Möglichkeit der Deutung
der „Nussschale“, der Blasen, einer inflationären Expansion oder
eines kontrahierenden imaginären Raumes in reeller oder imaginären
Zeit. Das ist dann allerdings auch der Clou des Filmes.

Fazit: Nie weiß man, was als nächstes kommt.
Ist es der Sieg der Form über den Inhalt, der fasziniert,
der Umkehrschluss, beides zusammen, oder ist es die
bedrückende pessimistische Vision, die in einer von Computern
beherrschten Welt zum Ausdruck kommt: der Mensch als
ein von der herrschenden Maschine (Staat) versklavter
Energie-Lieferant?
Der offene Schluss lässt viele Deutungen zu. Sie können sich
nämlich in einem Zeitraum von Milliarden von Jahren abspielen,
oder bereits morgen wieder aufgehoben sein.
Die visuellen Effekte von „Reloaded“ lassen diese Interpretation zu,
und seine neuen Tricktechniken sind einfach atemberaubend.
Sie lassen die Darsteller und die Zuschauer in immer neue
Welten eintauchen und verwischen beständig die Unterschiede
der realen und der imaginären Welt.
Drei Jahre, so heißt es, haben die WACHOWSKI Brüder an
diesem ‚Wunderwerk’ gearbeitet.
Was entstanden ist, sind eben nicht nur die atemberaubenden
Spezialeffekte, sondern auch der Einblick in die unfassbare
Welt der Matrix, die für jede/n etwas parat hat.

Dietmar Kesten 28.6.04 16:53

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