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Wilbur wants to kill himself

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Sein oder Nichtsein Martin Zopick 4.11.08 12:34

Freitod und die Liebe nienna 29.3.05 01:34

(8/10)
WILBUR WANTS TO KILL HIMSELF

DAS LEBEN UND NICHTS ANDERES

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 10. DEZEMBER 2003.

Ein von unstillbarer Todessehnsucht getriebener Mittdreißiger zieht nach
zahlreichen Selbstmordversuchen zu seinem älteren Bruder, der ein
Antiquariat betreibt.
Als er sich in die Frau des an Krebst Erkrankten zu verlieben scheint,
lernt er trotz Rückfällen das Leben zu lieben.
Lone SCHERFIG („Mama klaut“, 1998, „Italienisch für Anfänger“, 2000)
hat einen Film gemacht, der sich um das Leben dreht, um Liebe, Tod,
Glück und Unglück, Schuld, Opferbereitschaft, Sehnsucht, Einsamkeit,
Traurigkeit, Tristesse des Alltags.
Mit einer gehörigen Portion schwarzen englischen Humors, versucht er
sich diesen Themenkomplexen zu nähern.
Unterstützt von großartigen Schauspielern verdichtet sich der Film zu
mehrdeutigen Episoden und überrascht mit einer (bitter-)süßen Tragikomödie.
Er ist humorvoll, eine nachdenklich machende Studie über
die Schwere des menschlichen Seins, aber auch seiner Erträglichkeit.

Wilbur (Jamie SIVES) versucht, mit allen möglichen Selbstmordmethoden
dem Leben zu entrinnen.
Er dreht den Gashahn auf, schneidet sich die Pulsadern auf, legt sich einen
Strick um den Hals. In letzter Sekunde wird er immer wieder gerettet.
Wilbur, der ein Mann schneller Entschlüsse scheint, ist ein ruhiger Mensch,
verglichen mit all denen, die man so kennt.
Das macht ihn sehr sympathisch, weil man versucht herauszufinden, aus
welchen Gründen er aus dem Leben scheiden will.
Im Kino wie im Märchen werden Geschichten erzählt. Oftmals sind die
Bilder, die uns erreichen die des Erzählers selbst. Sie wollen aus der
Zeit herausgenommen und in die Zeitlosigkeit katapultiert werden; denn
im Kino endet die Nacht niemals. Zu diesem Zweck werden Bilder produziert,
die aber auch fortlaufend zerbrechen. Wir finden sie wieder im Realen und in
der Irrealität. In sich ist das eine versiegelte und zersplitterte Zeit.
In Wahrheit gibt es im Film zwei Wahrheiten: die eine, die das Wirkliche
leugnet, und die andere, die es aufhebt und bejaht.
Sollte Wilbur sich hier irgendwo selbst entdecken können?

„Hast Du ein riesiges, weißes Licht gesehen?“, fragt Harbour (Adrian RAWLINS)
seinen Bruder, der soeben einsehen musste, dass ein erneuter
Selbstmordversuch gescheitert ist.
„Da ist nichts“ antwortet Wilbur, dort ist nur „Schwärze und völliges Schweigen“,
manchmal ist es „wie in Wales zu sein“.
In diesem Dialog findet sich die gesamte tragikomische Stimmung des Films
wieder.
Er scheint ihn auf den Punkt zu bringen. Das ist nur aus der Distanz zu
verstehen, die uns von dem Geschehen trennt; denn Gegenwart ist im Kino
immer nur die Gegenwart des Vergangenen.
So wie sie auch im Leben ein schmerzhafter Prozess ist, den man begreifen
lernen muss, so führt der zeitliche Riss geradezu durch sie hindurch,
durch die Geschehnisse.
Sie zeigen wie Menschen zerbrechen: ein grausames Spiel mit der Zeit.
Wilbur reagiert nicht mit eingeübten Reflexen auf sein Unvermögen, sich
dem Leben zu stellen; denn sonst würde er nur Schatten sehen, Schemen
in der Nacht.

Und wie alles im Leben dahinfließt, sind die überraschenden
Wendungen des Films Varianten der Überschneidungen der Gleichzeitigkeit.
Jedes Mal, wenn Wilbur in der Beratung war und sich resistent erweist,
wirft ihn sein Therapeut Dr. Horst (Mads MIKKELSEN) aus seiner
Patientengruppe. Und immer dann, wenn er nach einer Freundin sucht,
scheitert er an den Unzulänglichkeiten seiner Persönlichkeit.
Ihn umgeben Spuren in einer unsinnigen Welt. Niemand bietet Bleibe,
kein Zuhause, kein Halt, nur flüchtiges Ausruhen.
Es gibt Menschen, die mit diesen traurigen Geschichten durch die Zeit
eilen, und die zu den einsamsten gehören.
Selbst dort, wo Wilburs Bruder sich um ihn zu kümmern scheint, und er
sich mehr und mehr zu Harbours Frau hingezogen fühlt,
lebt er noch auf der Erde, geht seiner ‚Passion’ nach, und will nur so
lange wie ein Schlafwandler bleiben, der verloren in Raum und Zeit
sich nur noch für eine kurze Zeitspanne seiner Präsenz erfreut.

Und hier nimmt der Film die überraschende Wendung, eine makabere.
Harbour erfährt, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist.
Wilbur spürt, dass dieser so gerne leben möchte, der, der dem Tod ins
Auge sieht.
Augenscheinlich scheint das Leben und die Liebe nun auf einmal
für ihn wieder erstrebenswert zu sein. Die sprichwörtliche Nähe zum Leben,
aber auch der Balanceakt zur Komik und zur Tragik ist sehr
nachvollziehbar dargestellt.
Alice (Shirley HENDERSON), in die sich Wilbur verliebt,
spielt eine schüchterne Frau mit tiefer Verletzlichkeit, aber auch mit
jener Wahrhaftigkeit, die die Momente von Verzweifelung und Unsicherheit
als die außerordentliche Dinge im Leben erscheinen lassen, die uns
umgeben, und mit denen wir als furchtsame Zuschauer den Plattheiten der
normalen Filmkost entfliehen können.
Sie steht zwischen beiden Stühlen, will sich entscheiden, kann aber nicht.
Erst dort, wo Harbour sich das Leben nimmt, ist ihre Orientierungslosigkeit
verflogen. Ihre Läuterung ist die Sympathie für Wilbur.

Die Bilder sind sorgfältig ausgewählt. Die Kamera schaut genau zu.
Und so dreht sich der Film wie Gefangene in ihren Fesseln.
Jamie SIVES und Adrian RAWLING sind als ungleiches Brüderpaar
eine großartige Besetzung. Und weil ihre tragischen Grundkonstellationen
sich irgendwo gleichen, ist ihre Welt greifbar.
Alles kehrt wieder, alles kommt noch einmal vor: das Ringen mit dem
Tod, die Hoffnung. Zwei Welten, geschieden wie Tag und Traum.
In diesem Film scheint die Zeit Geschichten zu schreiben: es sind die
Episoden, die sich verwandeln. Niemand kommt in diesem Film davon.
Es gibt keine Flucht. Makaber und morbid umschiffen die Darsteller
die Klippen ihrer eigenen Gefühle.
Anders als in „Grabgeflüster“ (Regie: Nick HURRAN, 2003), wo es
doch nur um das private Glück eines biederen Bürgers geht, und wo
mit humoristischen Einlagen ein billiger Slapstick-Film abliefert wird,
ist „Wilbur WANTS TO KILL HIMSELF” Leben, Liebe und Tod in einem
Aufzug. Man erfährt viel über Schicksale, über das Unerwartete und
die Provokation.
Eine seltsame Schwebe umgibt alle Protagonisten: man ist überwältig
und versteht ihre Gefühle.

Vielleicht ist es unnötige Schwere, die uns begegnet, vielleicht zu viel
Ausdruck?
Wie viele Nuancen der Versteinerung kann das Kino ertragen?
Verschmähungen und das niemals Wahrgenommene, diese Demütigungen
spricht das Kino in hundert Facetten aus.
Doch wenn die Darsteller in solchen Filmen zu lächeln versuchen, dann
verwandelt sie sich, und ihr furchtsames Minenspiel ist sofort wieder
Schmerz.
Auch wenn sich vielleicht letztlich herausstellt, dass diese melancholische
Geschichte sich bloß als Komödie tarnt, so ist es das Konzept, ein
Schicksal, welches Regie führt: im Leben, im Sterben, in den guten und
den schlechten Tagen.
Es kommt, wie es kommt. Nur eine paradoxe Überzeugung?
Dietmar Kesten 11.12.03 15:16

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